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Arminia gegen den VfL Wolfsburg

„Bielefeld – eine Stadt, die keine Provinz sein will“, schreibt die „Welt“. „Bielefeld gilt als Musterstadt der langweiligen Provinz. Doch wer hier einmal Fuß gefaßt hat, weiß, warum die Stadt zu Unrecht unterschätzt wird“, schreibt die „Süddeutsche“. Daß die Artikel die „langweilige Provinz“ zugrunde legen und dann zu der wenig überraschenden „Boah, is‘ ja gar nich‘ so“-Erkenntnis kommen, ist ein anderes Thema. Über Bielefeld wird positiv berichtet. Anlaß: Der  DeutscheSportClubArminiaBielefeld ist nach 2005 und 2006 zum dritten Mal im Pokalhalbfinale. Diesmal als „Amateurverein“ (Süddeutsche). Das Umfeld fiebert dem Spiel entgegen. Was haben wir nicht diskutiert- Ist die Liga wichtiger? Das Spiel gegen Holstein Kiel am Samstag? Ich zitiere eine berühmte Fußballreportage: „Das ist eine Riesensensation – das ist ein echtes Fußballwunder. Es ist ein großer Tag, seien wir nicht so vermessen, zu meinen, er könnte glücklich ausgehen.“. Und genauso ist es. Es ist ein großer Tag. Kein wichtiger. Gewonnen haben wir eh schon, egal wie das Match gegen Wolfsburg ausgeht: Arminia und Bielefeld sind in aller Munde.

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Wolfsburger sind da anderer Meinung. Einer sitzt im Zug zur Alm. Einer. Und er sagt: „Also, wie kann man nur Bielefeld mögen…kann ich nicht nachvollziehen.“ Sagt jemand. Aus. WOLFSBURG. Soviel ich weiß, fühlt die Sparrenburg sich mitten in einer Stadt wohl. Von Schloß Fallersleben gibt es Gerüchte, daß es mindestens dreimal im Jahr versucht, sich selbst zu sprengen, weil es mitten in einem Werksgelände liegt. 2.600 Wolfsburger sind auf der ausverkauften Alm. Alle anderen sind bis zum Siedepunkt heiße Arminen. Sebastian Wiese heizt nochmal an: „Sandhausen mußte es lernen, Bremen mußte es lernen, Wolfsburg mußte es lernen…äh…wird es heute lernen…“. *autsch*. Aber wir werden sehen: So unrecht hat er nicht. Beide Seiten sind in Ponchos, die in Grün-Weiß, wir in Blau. Und wieder einmal wurden unsere Choreospenden sinnvoll investiert:

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Die Alm ist vom ersten Moment an voll da. Kaum ist die Choreo weggeräumt, gibt es die erste strittige Situation zwischen Schuppan und Bas Dost, und die halbe West springt auf. Schenkelklopfer des Tages: Wolfsburger Spieler, die fast wie Wolfgang-Petersen-Filme heißen…? Ein Fehlpaß leitet die Führung der Gölfe ein. Maximilian Arnold verwandelt in der 8.Minute zum 0:1. Damit ist auch klar, daß Arminia die Taktik der vorherigen Pokalspiele nicht mehr fahren kann. Nach einem kurzem Durchatmen ist der Support sofort wieder da. Erst ab der 15.Minute realisieren die DSC-Kicker: Wir haben keine Chance. Also laß‘ kicken. Und sie spielen, was drin ist. „Jaaa, soooo mußte spielen“, wird das auf Block 3 auch anerkannt. „Standaaard!“, heißt es erwartungsfroh beim ersten Eckstoß. Unverzichtbar für mich mittlerweile: Berengars Kehlkopfsalto beim „Auf geht’s, ArmiiiiHHIIniaa!“.

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„HAND!“, brüllt die Alm in der 22.Minute. Was war, habe ich nicht gesehen. Wolfsburgs Kevin de Bruyne hatte letztens ein größeres Interview in der 11FREUNDE, wo er berichtete, während seiner Londoner Zeit habe man ihn öfter mit Prinz Harry verwechselt. Er würde aber nicht so feiern wie der royale Sprößling. Nun, das mag stimmen. Aber er kann genauso austeilen, was ihm in der 26. Minute den gelben Karton einbringt. Danach kann man ihn eher mit Herzogin Kate verwechseln: Genauso überfällig. Deswegen nimmt Hecking ihn später auch raus. Schade eigentlich, hat so ein begabter Fußballer nicht nötig. Der SchiRi fährt eine insgesamt sehr großzügige Linie, die viele Wolfsburger Giftigkeiten durchgehen läßt. So gewinnen Gast und Unparteiischengespann eine Menge Antipathiepunkte auf den aufgeheizten Rängen. Der Freistoß nach einem Handspiel von Mast führt in der 32.Minute zum 0:2 durch Luiz Gustavo, bei dem die Wolfsburger dann doch die zwei Klassen cleverer sind als die Blauen.

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In der Halbzeit wird an der Wurstbude eine große philosophische Frage in die Menge geworfen: „Warum isses eigentlich so schwer, hier’ne Wurst zu kriegen?“. Ja, warum…?…waaaaarum….???!… Ich habe recherchieren lassen und Unglaubliches herausgekriegt: Es liegt nicht an der bekannten Ambivalenz der Ostwestfalen zu effizienten Abläufen, sondern an fiesen Wurst-Aliens, die von der Alm aus versuchen, die Welt zu erobern. Hier der schockierende Beweis:

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„Ein Tor für Arminia wär‘ schön…“, stellt man beim Wiederanstoß auf Block 3 fest. Oh ja, das wäre schön. Und fast passiert es auch. Dick setzt einen Freistoß an die Latte, Bernaglio kriegt Probleme mit der Schwerkraft, Fabi setzt den Nachschuß drüber. In der 51. Minute schießt Ivan Perisic die Gölfe nach Berlin. Und was macht die Alm? Sie feiert. Und hört nicht mehr  damit auf. „Wir sind immer dabei, ob nah oder weit, in Ewigkeit“. Daß Maximilian Arnold kurz darauf seinen zweiten Treffer erzielt, interessiert keinen Schwanz mehr. „Wir sind immer dabei, ob nah oder weit, in Ewigkeit“.

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„Gegen Dortmund habt Ihr keine Chance!“. Arminia spielt tapfer, aber heute ist der Zweiklassenunterschied eben ein Zweiklassenunterschied. Oder mit den Worten von Block 3. „Wennde Underdog bist, biste eben manchmal Underdog“. Heute spricht man übrigens Indisch auf Block 3: „Beißiiiihn Haunumda!“. Standing Ovations bei den Auswechslungen: Ulm für Mü37, van der Biezen für Fabi. „Wir sind stolz auf unser Team, auf Armiiiiiniaaaa!“. NO LIMIT! „Ihr seid nur ein Autolieferant“.

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Autolieferant… Die Tradition vs. Kommerz-Debatte ist reichlich strapaziert, da sowohl „Kommerz“ als auch „Tradition“ erstmal nicht mehr sind als Schlagworte und in der Debatte meist auch nur als solche verwendet werden. „Geld schießt Tore“ hat da schon mehr Substanz. Schauen wir mal aus diesem Blickwinkel. Wir reden von Fußball, von Sport, von Wettbewerb. Wenn Geld Tore schießt, kann jeder, der Geld hat, den Wettbewerb aushebeln. Und wenn wir mal den Gegner von heute abend nehmen, erinnere ich an den 50-Mann-Kader von Felix Magath. Ich weise hin auf die Wir-verpflichten-alles-was-internationales-Format-hat-Strategie von Ralf Kellermann und den Gölfinnen. Nicht etwa, weil sie es brauchen. Nein, weil sie es haben. Weil sie es können. „Klar“, sagt jetzt die Gegenseite, „im Wettbewerb geht es um guten Sport und um Erfolg. Da können ‚Traditionalisten‘ nicht mithalten.“. Das ist richtig und man kann sich das Maul darüber zerreißen, ob „Erfolg erarbeiten“ mehr wert ist als „Erfolg kaufen“, wenn nur der Erfolg zählt, zumal florierende Traditionsclubs auch alle ihre Gerry Webers haben. Es ist auch ganz unbestritten, daß der VfL Wolfsburg tollen Fußball spielt. Weder dem FC Bayern noch Arminia haut man einfach so vier Dinger rein. „Ist doch super anzuschauen“, sagt die Gegenseite und betrachtet das Thema als beendet. Richtig, zugucken ist toll. Aber man kann es nicht liebhaben. Dazu ist das alles zu steril. Und wer jetzt sagt: „Liebhaben ist eine romantische Phrase, darauf kommt es nicht an“, der muß noch viel lernen. Und genau diese Lektion erteilt jetzt die Alm. Hatte Sebastian Wiese keinen Freudschen Versprecher, sondern eine prophetische Eingebung.

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„Warum seid Ihr H* so leise?“. Eben deswegen. Selbst Paderborn ist lauter. „Ostwestfalen, Idioooten…“. Super Konter. So originell wie eine Schrankwand aus Eichenimitat. Und selbst das müssen wir laut vorsingen.
„Ostwestfalen, Idioooten…“.
„Ihr könnt nach Hause fahrn“.
„Ohne Arminia wär hier gar nichts los“ (keiner hat was von Sinnlogik gesagt)
„Berlin, Berlin, wir scheißen auf Berlin“. Wir haben auch beim dritten Mal keinen Koffer in Berlin. Aber ich habe einen Leinenbeutel da. Verloren. Falls einer ihn findet, es ist ein Bleistift drin…
„Ein Leben lang, schwarzweißblau ein Leben lang“
À propos Liebhaben- Welcome back, André Schürrle. Frag‘ Darius Wosz, wie lange sich die Alm an Mittelfinger erinnert.

Schlußpfiff.

Ehrenrunde unter „Spitzenreiter, Spitzenreiter“. Die Hymne überdröhnt das Siegeszelebral der Gölfe. Trotz des Ausscheidens: Die Magie des Abends ist unsere.

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Die Sportschau schwenkt über die Almränge und kriegt Gänsehautentzündung. Ein Braunschweiger Bloggerkollege lobt die Stimmung (Danke!). Fans von Hertha BSC lesen unsere 111 Gründe. Sämtliche Großmedien würdigen die Alm. Vielleicht nehmen Welt, Süddeutsche, New York Times & Co. dies zum Anlaß, mal einfach so über Arminia und Bielefeld zu schreiben. Wolfsburg war die zwei Klassen besser und ist verdient im Pokalfinale. Den bleibenden Eindruck haben wir gemacht. Es ist ein großer Tag für uns. Nicht traurig sein, Jungs. Samstag kommt es wieder drauf an. Dann ist ein wichtiger Tag.

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Zurück zum Alltag: Im übrigen bin ich der Meinung, daß Lohmann eine eigene Hymne bekommen sollte

Wer den Gölfen weiterhin eine schlechte Pokalwoche wünscht, wer den Kampf Tradition vs. Kommerz fortsetzen oder einfach nur den Richtigen die Daumen drücken will, der schaut am Freitag das Pokalfinale der Frauen und hält mit Turbine Potsdam!

 

Über Jan-H. Grotevent

Jan-H. Grotevent
Jahrgang 1975. Gefühlte Zuständigkeiten: Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

Ein Kommentar

  1. Hallo!
    Toll geschrieben. Nach der Gänsehaut im Stadion, bekam ich wieder Gänsehaut beim Lesen.

    Die Erinnerungen an Mittwochabend bleiben. Vorallem weil wir gewonnen haben, wir lassen nur das Zusatzspiel in Berlin aus.

    Schönen Gruß

    GB

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